
Mehr als Titel, Tore, Temperamente: Wie vier kicker-Reporter die FIFA WM 2026 erlebten
Spanien ist Weltmeister. Doch was bleibt, wenn der letzte Schlusspfiff verklungen ist? Für Janek Brunner bleiben vor allem Begegnungen mit Fans aus aller Welt, spontane Geschichten am Straßenrand, lange Nächte am Laptop und Momente, die sich nicht planen lassen. Sechs Wochen lang war er als rasender Video-Reporter für den kicker quer durch Mexiko, die USA und Kanada unterwegs. Auch seine Kollegen Jim Decker, Frank Linkesch und Mario Krischel haben die Weltmeisterschaft intensiv begleitet und erinnern sich an die Momente, die ihnen besonders im Gedächtnis geblieben sind.
Mehr als nur der Weg zum nächsten Stadion
Als im legendären Estadio Azteca – oder auch Aztekenstadion – die mexikanische Nationalhymne erklingt, richtet sich der Blick für einen kurzen Moment nicht auf den Rasen. Tausende Fans werfen ihre Sombreros in die Luft, ein Bild, das sich tief einprägt. Janek Brunner erinnert sich später daran, dass er „so harte Gänsehaut“ hatte, „das hat fast wehgetan“. Für ihn war genau dieser Augenblick der Beweis, dass die größten Geschichten einer Weltmeisterschaft oft neben dem Spielfeld entstehen. Mit dem Social Videoformat „Dein Ticket zur WM“ wollte der kicker genau diese Geschichten erzählen. Nicht nur Tore und Taktik, sondern Menschen, Kulturen und Emotionen standen im Mittelpunkt. Dafür reiste Janek quer durch Nordamerika: von Mexiko-Stadt über Monterrey, Winston-Salem, Washington und Philadelphia bis nach New York, Boston und Miami.
Schon nach wenigen Tagen verschwammen Flughäfen, Hotels und Stadien zu einem einzigen Reisealltag. Fragt man Janek heute nach dem Bild, das ihm als Erstes einfällt, denkt er nicht an ein Spiel, sondern an Boarding-Pässe. Er habe sie in den vergangenen sechs Wochen „gefühlt so oft, wie noch nie" in seinem Leben kontrolliert. Später seien vor allem die Busfahrten durch New York und Miami zum Symbol dieser Reise geworden.
Die vielen Ortswechsel waren allerdings nur ein Teil der Herausforderung. Viel anspruchsvoller sei gewesen, fast die gesamte Zeit allein unterwegs zu sein. Kamera, Mikrofon, Organisation, Drehs und Schnitt, alles lag in einer Hand – in seiner. Gerade deshalb änderte sich auch sein Blick auf die Ausrüstung. Anfangs wollte Janek möglichst für jede Situation vorbereitet sein. Mit jeder Station wurde ihm jedoch klarer, dass weniger häufig mehr ist. Entscheidend sei, genau zu wissen, welche Geschichte erzählt werden soll. Dann brauche es auch nur das Equipment, das dafür wirklich notwendig ist.
Die besten Geschichten haben keinen Drehplan
Was sich planen ließ, war der Reiseweg. Was sich nicht planen ließ, waren die Geschichten. Schon früh merkte Janek, dass detaillierte Vorbereitungen nur begrenzt helfen. Rückblickend sagt er, „die allermeisten Gelegenheiten ergeben sich eh spontan", eine Erkenntnis, die seine Arbeit während der gesamten WM prägte. Besonders deutlich wurde das beim Besuch der Ultras der UNAM Pumas im Stadtteil Iztapalapa. Ohne großes Produktionsteam musste Janek Interviews führen, gleichzeitig drei Kameras bedienen und sich auf eine Umgebung einstellen, die er vorher nicht kannte. Gerade dort habe er gelernt, stärker zu improvisieren und nicht zu perfektionistisch zu sein.
Was sich planen ließ, war der Reiseweg. Was sich nicht planen ließ, waren die Geschichten. Schon früh merkte Janek, dass detaillierte Vorbereitungen nur begrenzt helfen. Rückblickend sagt er, „die allermeisten Gelegenheiten ergeben sich eh spontan", eine Erkenntnis, die seine Arbeit während der gesamten WM prägte. Besonders deutlich wurde das beim Besuch der Ultras der UNAM Pumas im Stadtteil Iztapalapa. Ohne großes Produktionsteam musste Janek Interviews führen, gleichzeitig drei Kameras bedienen und sich auf eine Umgebung einstellen, die er vorher nicht kannte. Gerade dort habe er gelernt, stärker zu improvisieren und nicht zu perfektionistisch zu sein.
Improvisation bestimmte allerdings nicht nur die Drehs, sondern auch den Arbeitsalltag. Wegen der Zeitverschiebung begann jeder Morgen mit Abstimmungen mit der Redaktion in Nürnberg. Danach folgten Dreharbeiten, Interviews und lange Wege zwischen Stadion, Fanmeilen und Unterkünften. Geschnitten wurde häufig erst spät am Abend oder nachts, damit die Beiträge rechtzeitig in Deutschland ankamen. Dazwischen mussten Akkus geladen, Daten gesichert und Material auf Festplatten kopiert werden. Dieser Rhythmus veränderte sich über sechs Wochen kaum. Dass dabei nicht alles reibungslos verlief, gehört zu einer solchen Reise dazu. In Monterrey wurde Janek mitten im Gedränge vor dem Stadion das Funkmikrofon abgerissen. Mit ihm verschwanden auch die gespeicherten Aufnahmen. Ärgerlich sei das gewesen, erzählt er, gleichzeitig hätten sich mit der Dauer der Reise auch die eigenen Abläufe immer weiter verbessert.
Wenn ein rotes Mikrofon Gespräche eröffnet
Viele der eindrucksvollsten Geschichten wären ohne die Offenheit der Menschen vor Ort nie entstanden. Bewusst setzte Janek auf kleine Kameras, um möglichst unauffällig arbeiten zu können. Aufmerksamkeit erzeugte stattdessen ein anderes Detail: der rote kicker-Popschutz auf dem Mikrofon. Er sei oft der eigentliche „Türöffner“ gewesen, erzählt Janek, denn „da wollen fast alle reinsprechen“. Aus genau diesen spontanen Begegnungen entwickelte sich der Charakter von „Dein Ticket zur WM“: weg von der klassischen Spielberichterstattung, hin zu Geschichten über Menschen und ihre Begeisterung für den Fußball.
Fußball verbindet und das oft ganz ohne gemeinsame Sprache
Dass der Fußball Menschen zusammenbringt, zeigte sich für Janek immer wieder fernab der Stadien. Drei Tage lang versuchte er in New York vergeblich, sein Deutschland-Trikot gegen das eines anderen Fans einzutauschen. Erst am Times Square begegnete er einem Ecuadorianer, der sich darauf einließ. Für Janek war dieser Tausch mehr als ein Souvenir. Weil er selbst ein Jahr in Ecuador gelebt hatte, verbindet ihn mit dem Land bis heute eine besondere Beziehung. Genau dieses Trikot würde er behalten, wenn er sich auf nur ein Erinnerungsstück der Reise festlegen müsste.
Nicht jede Begegnung war so fröhlich. Janek mit einem Fan aus Guatemala, der das Vorrundenaus der deutschen Nationalmannschaft kaum fassen konnte. Solche Gespräche machten deutlich, wie eng Menschen unterschiedlichster Herkunft mit Mannschaften verbunden sein können, die sie vielleicht nie live im Stadion erleben.
„In Seattle als kicker-Reporter erkannt werden“
Auch Jim Decker sammelte Erlebnisse, die weit über den Sport hinausgingen. Schon der Turnierauftakt im SoFi Stadium in Los Angeles blieb ihm nachhaltig in Erinnerung. „Das erste Spiel der USA in Los Angeles. Show pur, die Hymne im SoFi-Stadium erzeugt Gänsehaut. Die USA gewinnen furios 4:1 und entfachen zumindest in Kalifornien so etwas wie WM-Stimmung.“ Mindestens genauso beeindruckte ihn jedoch die Atmosphäre abseits des Rasens. Obwohl bei einer Weltmeisterschaft Journalistinnen und Journalisten aus aller Welt aufeinandertreffen, habe Konkurrenz nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Stattdessen habe ein außergewöhnlicher Zusammenhalt geherrscht. „Die vielen netten Menschen, darunter viele Kollegen. Bei der WM herrscht so gut wie keine Rivalität, stattdessen Kollegialität und Verbundenheit. Das fand ich sehr toll.“
Eine Begegnung in Seattle brachte dieses Gefühl auf besondere Weise auf den Punkt. Eigentlich hatte Jim seine Straßenumfrage bereits beendet, als ihm ein junger US-Fan hinterherlief. Der Grund war nicht die Kamera, sondern das rote kicker-Mikrofon. „Er spricht kein Deutsch, aber lesen kann er es – dank der kicker-App! Als Fußball-Fan verfolgt er Europa über unsere App und hat mein Mikro erkannt.“ Für Jim war das ein besonderer Moment: „In Seattle als kicker-Reporter erkannt werden – das ist schon besonders.“ Auch mit Blick auf die Diskussionen im Vorfeld der Weltmeisterschaft zog er ein positives Fazit. „Es wird nichts so heiß gegessen wie es gekocht wird. Die vielen schlimmen Befürchtungen politischer Natur haben sich nicht bewahrheitet, stattdessen feierten Tausende ein friedliches Fußballfest.“
Eine Weltmeisterschaft in drei Ländern und Kulturen
Ob Mexiko, die USA oder Kanada, jede Stadt erzählte ihre eigene Geschichte. Für Frank Linkesch gehörten dazu nicht nur die großen Fußballmomente, sondern auch Erlebnisse, die mit dem Sport zunächst wenig zu tun hatten. Besonders in Erinnerung blieb ihm eine Partie: „Frankreich gegen den Irak in Philadelphia mit der Regen-/Gewitterunterbrechung von zwei Stunden und zwölf Minuten“, fasst Frank einen der nicht gerade "besten" Momente des Turniers zusammen. Das Gewitter hatte noch eine weitere Folge. Gemeinsam mit anderen deutschen Journalistinnen und Journalisten wollte Frank anschließend den amerikanischen Nationalfeiertag in Philadelphia feiern. Statt Feuerwerk gab es stundenlanges Warten. „Wir warteten bis 1.30 Uhr, sind dann gefahren und haben hinterher erfahren, dass es um 2.30 Uhr gestartet wurde.“ Trotz solcher kleinen Rückschläge überwiegt für ihn ein positives Fazit: „Ein solches Turnier vereint, es spaltet nicht. Es war friedlich, fröhlich und voll guter Stimmung in den Stadien.“
Mario Krischel blickt wiederum mit einer anderen Perspektive auf die Weltmeisterschaft. Für ihn war bereits die Möglichkeit, das Turnier hautnah begleiten zu dürfen, etwas Besonderes. „Dabei zu sein, alles erleben zu dürfen. Argentinien zu sehen, England, Spanien, Frankreich, Norwegen, Ecuador und alles drum herum. Mit den Leuten zu interagieren, zu feiern, die Atmosphäre aufzusaugen.“ Besonders beeindruckt hat ihn dabei die Leidenschaft der südamerikanischen Fans. „Die Beziehung der Südamerikaner zu ihren Nationalmannschaften. Das geht schon nochmal etwas tiefer als in Deutschland.“
Gleichzeitig zeigte die WM einmal mehr, wie flexibel Reporter arbeiten müssen. Ein fester Arbeitsplatz existierte praktisch nie. Mal entstand eine Folge "kicker meets DAZN" auf einem leeren Hotelflur in Kansas City, mal wurde der kicker Daily mit dem Laptop auf dem Schoß fertig, während am Gate bereits das Boarding für den Rückflug begann. Dazwischen drängten sich Journalistinnen und Journalisten in den Mixed Zones um Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo.
Trotz ihrer unterschiedlichen Aufgaben verbindet alle vier Reporter dieselbe Erkenntnis: Die prägendsten Erinnerungen entstehen selten durch Tore oder Tabellen. Es sind Begegnungen, spontane Gespräche und Momente, die sich nicht planen lassen. Genau deshalb blieb Janek nicht nur das Bild der fliegenden Sombreros im Azteca in Erinnerung, sondern ebenso die mexikanischen Ultras, der Trikottausch am Times Square oder die unzähligen Gespräche mit Fans aus aller Welt.
Was von dieser Weltmeisterschaft bleibt
Spanien ist Weltmeister. Die Stadien sind längst wieder leer, die Fanmeilen abgebaut und die vier kicker-Reporter zurück in Deutschland. Geblieben sind Erinnerungen, die sich nur schwer auf Ergebnisse oder Tabellen reduzieren lassen. Janek nimmt vor allem mit, offener auf Menschen zuzugehen. Wochenlang war er darauf angewiesen, mit Fremden ins Gespräch zu kommen, eine Erfahrung, die ihn auch persönlich verändert hat. „Noch mehr Offenheit für Gespräche mit Fremden. Noch offensiver auf Menschen zuzugehen.“
Jim blickt vor allem auf die Atmosphäre zurück. Viele der kritischen Stimmen im Vorfeld hätten sich aus seiner Sicht nicht bestätigt. Stattdessen habe er eine Weltmeisterschaft erlebt, bei der Menschen unterschiedlichster Herkunft gemeinsam Fußball feierten: „Es wird nichts so heiß gegessen wie es gekocht wird. Die vielen schlimmen Befürchtungen politischer Natur haben sich nicht bewahrheitet, stattdessen feierten Tausende ein friedliches Fußballfest.“ Auch Frank zieht ein positives Fazit. „Ein solches Turnier vereint, es spaltet nicht. Es war friedlich, fröhlich und voll guter Stimmung in den Stadien.“ Und Mario? Der bringt sechs Wochen voller Eindrücke wohl am treffendsten auf den Punkt: „Das Schöne ist ja eigentlich, dass man vermutlich ein ganzes Buch füllen könnte.“
Vielleicht ist genau das die beste Zusammenfassung dieser Weltmeisterschaft. Nicht nur Spaniens Titelgewinn bleibt in Erinnerung, sondern vor allem die Geschichten dahinter – von fliegenden Sombreros im Azteca, einem wiedererkannten kicker-Mikrofon in Seattle, einem verpassten Feuerwerk in Philadelphia und einem spontanen Trikottausch am Times Square. Geschichten, die zeigen, dass eine Weltmeisterschaft weit mehr ist als Fußball, mehr als Tore, Titel und Temperamente – ein großes Fest für Kulturen und Zusammenhalt hinweg.
Mehr Eindrücke von der WM aus der kicker-Perspektive gibt es hier.